Geistlicher Klosterführer Lebensraum, Kloster Hirsau

Lebensräume aufspüren Im Kloster Hirsau

Kleines geistliches Klosterwörterbuch

Offen werden und zuhören:

lectio

»Deshalb sollen die Brüder zu bestimmten Zeiten {…} mit heiliger Lesung beschäftigt sein.«
{aus Kapitel 48 der Benediktsregel}

»Nicht das Vielwissen sättigt die Seele, sondern das Verspüren und Verkosten der Dinge von Innen her.«
{Ignatius von Loyola}

Bei der klösterlichen Art der Bibellese {»lectio divina«, »meditatio«, »oratio«} geht es weniger darum, Wissen und Informationen aus den biblischen Texten zu ziehen. Sie zielt darauf, das eigene Leben von den jeweiligen Texten der Bibel her in einem Spiegel zu betrachten und neu beleuchten zu lassen. Die »lectio« geschieht langsam, in der Haltung des Staunens, der Ehrfurcht und der Offenheit. Die Mönche und Nonnen lesen den jeweiligen Text, um darin Christus zu suchen und zu begegnen und achten hellhörig auf jenes Wort oder jenen Satz, der sie »anspricht«.

Haben die Mönche so eine Stelle gefunden, geht die »lectio« in die »meditatio« über und sie verweilen meditierend und wiederholend bei diesem Wort oder Satz. Auf diese Weise durchdringt das Gelesene Herz und Seele, bindet den Geist an Gott und erweckt eine Sehnsucht nach Gebet, nach einer Antwort auf Gottes Reden.

Diese Antwort nennt man »oratio«. Oratio kann dabei vieles bedeuten: Sie kann ausdrückliches Gebet {im Sinn eines Stoß-, Bitt-, Lob- oder Dankgebetes} sein, sie kann aber auch inneres Gebet in Hören und Schweigen bedeuten.